Beinamen, Kosenamen und Spitznamen im antiken Griechenland

 

Projektskizze

Die Bedeutung der inoffiziellen Beinamen und der „Übernamen“, d.h. Kose- und Spitznamen, in der griechischen Antike ist bislang in der althistorischen Forschung überhaupt noch nicht systematisch und zusammenfassend untersucht worden. Mit Blick auf die römische Geschichte und politische Kultur in Rom sieht das teilweise anders aus. Insofern muss man heute immer noch auf den verdienstvollen RE-Artikel von A. Hug (s. v. Spitznamen) aus dem Jahr 1929 zurückgreifen, der aber nur einführenden Charakter hat und natürlich nicht umfassend das Quellenmaterial heranziehen kann. O.L. Gabelko hat ein Projekt initiiert, das sich mit Bei- und Spitznamen von „State figures“ beschäftigt. Gerade jüngst hat sich Igor E. Surikov in mehreren wichtigen, aber vor allem in russischer Sprache abgefassten Studien sich mit dem Thema der „nicknames“ auseinandergesetzt, der sich aber bislang nur auf bestimmte Aspekte und Zeiten konzentriert hat, die mit der Thematik in Verbindung stehen. Diese Forschungsaktivitäten zeigen deutlich die Aktualität der Fragestellung an. Ansonsten gibt es Forschungen zu einzelnen Bei- und Spitznamen und ihren Trägern sowie Trägerinnen (vor allem Hetären) und Gruppen von Beinamenträgern. In anderen Forschungen stehen die inoffiziellen „Beinamen“ der hellenistischen Könige/Herrscher im Zentrum, wobei die persönlichen, inoffiziellen Beinamen und Spitznamen nicht immer trennscharf von deren „offiziellen“ Titeln unterschieden werden können. Dabei unterscheidet man die offiziellen Beinamen von denjenigen Beinamen (oder auch ‚Spitznamen‘), die den Königen von anderen zuerkannt und/oder nachträglich kreiert wurden — bekannte Beispiele sind etwa ‚Megas‘ für Alexander den Großen‚ Poliorketes‘ für den Antigonos-Sohn Demetrios und ‚Epimanes‘ für den Seleukiden Antiochos IV.

Der Bearbeiter dieses Themas hat über 300 Personen aus dem griechischen Raum ermittelt, die neben ihrem eigentlichen Namen einen inoffiziellen Beinamen oder Spitznamen tragen. Die inoffiziellen Beinamen und Spitznamen sagen wenig über den Charakter oder die Gestalt des Genannten aus, sondern mehr aber über diejenigen, die die Namen erfanden, vergaben oder verwendeten. Sie ergriffen Partei, entweder für oder gegen den Namensträger. Diese Namen wurden weder vererbt noch bei Geburt vergeben, sondern traten im Laufe des Lebens oder posthum hinzu. Der Fokus dieser Untersuchung soll deswegen auf die Entstehungsbedingungen und Verwendungssituationen von Beinamen und Spitznamen gerichtet werden. Wann wurde von wem und mit welcher Absicht ein Beiname/Spitzname erfunden, vergeben und/oder verwendet? Werden diese auch bei offiziellen Anlässen in aller Öffentlichkeit gebraucht? Derartige Namen leisten häufig weit mehr als die bloße Referenz auf eine Person. Sie zeigen soziale Konstellationen an und sie sind Informationsträger einer sozialen Ordnung, thematisieren Handlungen oder Einstellungen und drücken eine emotionale und soziale Beziehung und Bewertung zwischen zwei Personen aus (dem Namengeber und dem Namenträger). Sie werden häufig öffentlich gemacht, sei es, dass sie im Beisein anderer erwähnt und in einer schriftlichen Form festgehalten werden. Sie sind vielfach an eine bestimmte und kleinere Gruppe gebunden, in der sie eine enge Beziehung unter Mitmenschen etablieren. Für die Gruppe der Namenverwender und Namenkenner (Polisgesellschaft, einzelne Dichter und Gelehrte, direkte Konkurrenten und Gegner etc.) wirken diese Namen integrativ. Eine Person kann in unterschiedlichen Gruppen durchaus verschiedene Bei- und Spitznamen tragen. Die Namenträger kennen ihren Namen häufig selber nicht. Sie können sie nicht einfach ablegen und haben keinen Einfluss auf die Verwendung und Verbreitung ihrer Namen. Ein DFG-Antrag zu diesem Thema ist in Bearbeitung.